Pagny, Patricia
GN vom 17.06.2010
Weltklasse auf kleiner Bühne
Aufregendes Klavierkonzert von Patricia Pagny in Neuenhaus
Von Jörg Leune
Fotos: Gerold Meppelink
Wie es dazu kam, dass die international gepriesene Pianistin Patricia Pagny am Sonntagabend beim Kulturpass in Neuenhaus konzertierte, erzählte der Sänger Hendrik Veldink nach dem Überreichen der Dankesblume: Er habe auf einem Flug von Osaka nach Paris neben ihr gesessen, und sie habe sich bereit erklärt, auch an unbekanntem Ort vor kleinem Publikum aufzutreten.
Es wurde ein überwältigender Abend. Pagny begann mit Beethovens D-Dur-Sonate op. 28. Über einem, anfangs bedrohlich klingenden, sich über 100 Takte erstreckendem Orgelpunkt auf dem Grundton baut der Komponist ein langsam sich entwickelndes Hauptthema auf, das in unterschiedlichster Weise durchgeführt wird. Sie spielt nicht nur Beethoven, sie teilt sich dem Publikum mit, das den Klängen fast atemlos folgt. Immer wieder überrascht sie mit scheinbar neuen Einfällen, irritiert so Hörererwartungen, und doch gelingt die strenge Durchführung des Sonatenhauptsatzes makellos.
Man hat dieser Sonate den Beinamen „Pastorale“ gegeben. Aber Patricia Pagny schildert keine Bilder; sie führt absolute Musik vor. Doppelte Spannung dann im d-moll-Andante: Über klopfendem Staccato lässt die Pianistin ruhig die melancholisch schreitende Melodie aufblühen. Die Dur-Wendung im Mittelteil gestaltet sie als starken Kontrast. Das Scherzo erscheint als kunstvolle Volksmusik.
Das abschließende Rondo beginnt wieder mit dem Orgelpunkt auf D. Die rechte Hand vollzieht die zweistimmige Melodie. Ein zweites und drittes Thema treten hinzu. Unaufhörlich lässt Pagny sich den Klang steigern. Mit einem virtuosen „pi? allegro, quasi presto“ lässt sie die Sonate hochvirtuos enden. Donnernder Beifall beschloss dieses eindrucksvolle musikalische Erlebnis.
Es folgten drei Sätze des jungen Debussy. Zum Glück wagte niemand, deren Abfolge durch Zwischenbeifall zu unterbrechen. Die „Ballade“ lebt von dem Ineinander von lyrischem Schwung und verfließend modulierten Klangfarben. Das bekannte „Clair de lune“ aus der „Suite bergamasque“ musiziert Patricia Pagny herrlich unromantisch. Abschließend „Danse – Tarentelle styrienne“. Man vernimmt den kompliziert wechselnden Rhythmus, die fremdartigen Harmonien mit der untergründigen stilisierten Begleitung der Volkstänze Tarentella und Steyrisch. Alles aber wird beherrscht von der unglaublich beherrschten Virtuosität der Pianistin, die auch hier wieder der Musik mit Einsatz des ganzen Körpers Leben verleiht.
Nach der Pause erklang dann Schumanns „Carnaval“ op.9. Das hochvirtuose Werk besteht aus 22 kurzen Maskenball-Szenen, denen vor dem Mittelsatz die Tonfolge A-Es-C-H, danach As-C-H zugrunde liegt. Der Titel dieser elften Szene, A.S.C.H. – S.C.H.A., bezieht sich auf das böhmische Städtchen Asch, den Wohnort von Schumanns vorübergehender Verlobter sowie auf den Namen Schumanns selbst. Jede der 22 Szenen charakterisiert Einzelpersonen oder Situationen des Maskenballs. Vom Interpreten verlangt dieser Szenenwechsel höchste Konzentration und blitzschnelles Umschalten. Beides gelang Patricia Pagny in überwältigender Weise. Wieder ließ sie das Publikum ihre musikalische Intelligenz und ihr brillantes Können im rauschenden Wirbel der vorüberhuschenden Figuren bis zum furiosen Abschiedsmarsch der „Davidsbündler gegen die Philister“ miterleben. Dem begeisterten Beifall dankte die Künstlerin, die fast scheu die Bühne betreten hatte, mit glücklichem Lächeln.
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